Am Tisch mit Melanchthon

Die Mitteldeutsche Zeitung in der Ausgabe vom 11.9.2009

Stiftung Luthergedenkstätten: Ein Gartenmöbel beflügelt die Phantasie. In einer interdisziplinären Aktion soll sein Geheimnis bis zum Frühjahr geklärt sein.

Steinrestaurator IIja Streit (rechts) mit seinen Kollegen beim Abtransport der Tischplatte aus Melanchthons Garten nach Weimar. Foto: Achim Kuhn

Steinrestaurator Ilja Streit (rechts) mit seinen Kollegen beim Abtransport der Tischplatte aus Melanchthons Garten nach Weimar.

Foto: Achim Kuhn

Von Irina Steinmann

WITTENBERG/MZ – Ein hübsches Bild: der große Gelehrte, Luthers Freund, am Tisch in seinem Garten sitzend, während die Spätsommersonne ihre letzten warmen Strahlen durch die Zweige der Eibe schickt, die sich wie ein Dach... Aber halt! Die Eibe war noch nicht da. Und ob der Tisch schon da war, als Philipp Melanchthon anno 1560 das Zeitliche segnete, ist auch noch nicht raus. Echter Hausrat vom Co-Reformator, das wäre nun ein gefundenes Fressen am Vorabend des Jubiläumsjahres 2010.

Jahrzehntelang hat da steinerne Tischchen, um das es im Folgenden gehen soll, recht unbehelligt im Garten des Wittenberger Melanchthonhauses herumgestanden, festgemauert und halb verborgen unter den dunklen Nadeln der Eibe. Viel ist bislang nicht bekannt über das Möbel: ovale Platte, Schiefer mit großen Einschlüssen, aber "sehr angegriffen", so dass die Verantwortlichen von der Stiftung Luthergedenkstätten das kalte Grauen ankam, als kürzlich mal jugendliche Besucher des Melanchthonhauses auf der Platte Platz nehmen wollten...

Inschrift viel jünger

An dieser Stelle nun kommt Ilja Streit ins Spiel, Steinrestaurator aus Weimar, und der hallesche Geologie-Professor Gerhard H. Bachmann. Streit und Bachmann werden, jeder auf seine Art, in den kommenden Monaten" dem – materiellen – Geheimnis der Tischplatte auf den Grund gehen. Parallel dazu durchforstet die Stiftung Luthergedenkstätten, allen voran Dr. Martin Treu, ihre Archive auf der Suche nach dem Jahr 1551 im Leben des 1497 geborenen Melanchthon. "P. Melanchthon 1551" nämlich lautet eine Inschrift, die man mit viel Phantasie – oder indem man einfach der Chefrestauratorin der Stiftung, Karin Lubitzsch, Glauben schenkt – in der Platte eingraviert erkennen kann. Fest steht laut Stiftung: Die Inschrift ist deutlich jünger als die Platte, möglicherweise erst etwa 100 Jahre alt.

Bisher gilt das Jahr 1551 im Hinblick auf Melanchthon nicht als auffällig. Im "Idealfall", sagt Frau Lubitzsch, handelt es sich um ein Geschenk an den Gelehrten, der ja bekanntlich auch ein großes Interesse an fester Materie, an der Naturwissenschaft gehabt habe. Hierfür könnte die Besonderheit des verwendeten Gesteins sprechen. "Vielleicht hat er tatsächlich an diesem Tisch gesessen."

Hier aber enden vorläufig die Spekulationen am Tisch von Melanchthon und die Arbeit beginnt. In der Werkstatt von Ilja Streit wird der außergewöhnliche Stein in den kommenden Monaten gereinigt und konserviert. Gesäubert wird erst manuell, dann mit Dampfstrahl, ganz zart, maximal fünf Bar, erläutert Streit. Der Verlust an Substanz gilt insbesondere an den Rändern der Platte als "grenzlastig", hinzu kommen innere Risse auch an äußerlich unversehrt wirkenden Stellen, wie ein Abklopfen der Platte ergeben habe. Es wird daher notwendig sein, die Fehlstellen zu hinterfüllen und so genannte Anböschungen vorzunehmen.

Aufwändiger Prozess

Bevor allerdings die erhaltene Substanz in der Weimarer Werkstatt verstärkt werden kann, sei es notwendig, die chemische Zusammensetzung des Gesteins zu kennen; damit sich beide auch vertragen, so Streit, der auch deshalb den Ergebnissen des halleschen Professors mit Spannung entgegensieht. Alles in allem also ein sehr aufwändiger Restaurierungsprozess, der voraussichtlich erst im Mai abgeschlossen sein wird.
Sicher ist, dass der Stein nicht aus der Gegend stammt. Wo er ursprünglich abgebaut wurde und wie er nach Wittenberg kam, soll ebenfalls von der Arbeitsgruppe "Historische und Regionale Geologie" an der Uni Halle geklärt werden. Fest steht laut Stiftungssprecher Florian Trott, dass der restaurierte Tisch ein Exponat der neuen Melanchthon-Ausstellung sein wird, die dann auch den Garten einbezieht. Ob er als Original oder sicherheitshalber lieber bloß als Kopie unter der romantischen Eibe aufgestellt wird, wird auch davon abhängen, wie authentisch er tatsächlich ist: Der große Gelehrte, am Tisch in seinem Garten sitzend, einen Becher vor sich, einen klugen Menschen neben sich, die erste warme Frühlingssonne im Gesicht... Noch darf geträumt werden.

© Ilja Streit Steinrestaurierung | Stand: 13.11.2011